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Martin Vosswinkel

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Erschienen im November 2002 anlässlich der Gruppenausstellung von

Agnieszka Gancarczyk
Sima Kekec
Maren Koll
Michael H. Rohde
Martin Vosswinkel

in der swb Galerie, Bremen

Texte:
Uwe Goldenstein
Rainer Beßling
Gudrun Schmidt-Esters
Barbara Claasen-Schmal
Katerina Vatsella

Redaktion: Katerina Vatsella

48 Seiten
26 farbige Abbildungen
Fotos: Joachim Fliegner, Sebastian Otto, Uwe Fricke
Auflage: 1000
2002
ISBN-Nr.: 3-89757-173-0



Im Werk von Martin Voßwinkel verbinden sich die Malerei mit Aktion und Bewegung, die Beschäftigung mit Farbe als Material genauso wie mit ihrer Wirkung und ihrem Einsatz als Bildelement. Lange Zeit hat er Farbpigmente selbst gesucht und sie mit Acrylbinder als Malmedium eingesetzt. In seinen zunächst monochromen, zurückhaltenden Bildern mischte er auch Sand und Erde und experimentierte mit Chlorophyl und Holunder als Färbesubstanzen. Durch Zufall entdeckte er Mitte der 90er Jahre den Lehm als Gestaltungsmittel für sich - er mischte Pigmente darunter und begann, kleine farbige Lehmkugeln über das Papier zu rollen. Unter dem Druck seiner Hand hinterließen sie ihre farbige Spur so lange, bis sie schließlich ganz abgerieben, verbraucht waren. Das statische Bild wurde durch ein bewegtes ersetzt, die Lehmkugel übernahm die Funktion des Pinsels. Die damit verbundene Bewegung war zunächst unregelmäßig, chaotisch, wurde aber allmählich fließender und geschwungener.

"Rollfelder" nennt Martin Voßwinkel lange, schmale, horizontal angelegte Papierbahnen, die von ca. 2 cm breiten farbigen Linien durchzogen werden. Diese Linien laufen manchmal parallel neben- oder räumlich übereinander, manchmal kreuzen sie sich und überschneiden sich, bilden Kreissegmente oder Ellipsenteile, deren Mittelpunkt irgendwo außerhalb der Bildgrenzen liegt. Über hellem oder dunkelblauem Grund und über den Bildrand hinweg gezogen, erscheinen sie wie farbige Lichtspuren regelmäßiger Sonnen- oder Sternenbahnen ferner Galaxien. Kleine helle Reflexe, die manchmal über dem Hintergrund aufscheinen, verstärken diese Wirkung. Die roten, gelben, schwarzen oder blauen Linien, die, in ihrer Mitte heller als am Rand, eingefassten transparenten Bändern gleichen, scheinen sich manchmal tänzerisch über einem lichten, durchscheinenden Grund zu bewegen. Trotz ihrer Zartheit und Fragilität evozieren sie etwas Körperliches, in ihrem manchmal verhaltenen, manchmal ausladenden Schwung wird nämlich die Armbewegung des Künstlers nachvollziehbar.

In anderen "Rollfeldern", wiederum, manchmal auch "Vernetzungen" betitelt, wird das Bildfeld durch ein dichtes Linien bzw. Bändernetz regelrecht zugeflochten. Durch die Überlagerung dieser Bänder gewinnt der Hintergrund in einigen Bildern zunächst immer mehr an Tiefe - bis er in anderen Bildern unter dem immer dichteren Liniennetzwerk fast verschwindet. Die breiten Linien, die Farbbänder, verlaufen dabei weniger in offenen Bahnen, sondern bilden dichte, in sich geschlossene Strukturen, die manchmal kantig gebogen und fast labyrinthisch verwickelt in vielen Schichten übereinander aufgetragen werden.

Zwei unterschiedliche Gestaltungsansätze kennzeichnen dabei das Werk von Martin Voßwinkel. Er bezeichnet diese seine Bilder, ihrer Art entsprechend, als offene oder geschlossene Systeme. Charakteristisch für offene Systeme ist ihre Ausschnitthaftigkeit: das Bildgeviert wirkt wie eine Öffnung, ein Fenster, das den Blick auf einen Teil eines größeren Ganzen frei gibt, das man nicht überblicken kann. Das Gefühl in eine makroskopische Welt zu blicken, wie die des Alls, wechselt sich mit dem Eindruck ab, mikroskopisch stark vergrößerte Strukturen vor sich zu haben. Man ist versucht, mit dem Blick durch die Linienstrukturen hindurch den Weg zum Bildhintergrund zu suchen, die Tiefe des Bildes mit dem Auge zu durchmessen - bei einigen Arbeiten scheint diese Tiefe relativ nahe hinter der Oberfläche greifbar, bei anderen verliert sie sich in unmessbar scheinender Distanz.

In den geschlossenen Systemen wiederum bleibt die Linie im Bildgeviert. Sie wird gebogen und geknickt und in Richtung Bildmitte zurückgeführt, sobald sie in die Nähe des Bildrandes kommt. So wächst ein dichtes Netz von Linien, bis schließlich manchmal das Gefühl eines fast kompakten Farbenkörpers entsteht. So gewähren diese Werke eine doppelte Sicht: einmal in die unterschiedliche Tiefe im Bild und einmal auf die bewegte Bildoberfläche, deren Reiz fast haptisch ist. Gleichzeitig wird in diesen Bildern ein weiterer Aspekt der Arbeit Vosswinkels klar: derjenige der Zeit. Im vergeblichen Versuch, den Verlauf der Bahnen mit dem Auge nachzuvollziehen, wird einem die Dauer des Tuns deutlich, die nötig war, um das Bild in seiner Dimension oder seiner Dichte entstehen zu lassen.

Oft bildet kein Papier sondern eine Acrylplatte den Grund der Bilder. Um die Vernetzung noch intensiver zu machen legt Martin Vosswinkel manchmal zwei bis drei Acrylplatten übereinander, die auf beiden Seiten gestaltet sind. Andererseits zeichnet er auf Acrylplatten reduzierte, zarte Streifen, deren Schattenwurf auf der Wand ein genauso bildkonstituierendes Element ist, wie die Streifen selbst.

In den jüngeren Arbeiten von Martin Vosswinkel kehrt eine gewisse Ruhe bzw. ein gewisses Gleichmaß ein: die Streifen, die seit einiger Zeit nicht mehr durch Lehmkugeln, sondern durch unterschiedlich breite Lackierrollen aus Schaumstoff erfolgen, bilden kein unübersichtliches Geflecht, sondern orientieren sich nach den Bildrändern. Dabei entstehen mehr oder weniger lockere, rhythmische Gitterstrukturen. Aber auch einfache geometrische Formen tauchen auf, so beispielsweise einzelne farbige Quadrate als schwebende Mittelpunkte in sich ruhender, quadratischer Bilder. Seine Farbpalette verändert sich, anders als früher tauchen nun auch kühle Pastelltöne auf. Martin Voßwinkel integriert in seine Bilder neuerdings collageartig Schaumstoff oder andere Teile von Gerätschaften, die er zur Bildherstellung verwendet, in einer Verbindung von Oberflächengestaltung und Dokumentation des Arbeitsprozesses. So experimentiert er weiter, in einem ästhetischen Spannungsfeld zwischen kreativem Zufall und methodischer Planung.

Katerina Vatsella